Wie können neue Geschichten über Migration öffentliche Debatten verändern?

Migration narrative workshop Berliner Landeszentrale für politische Bildung

Mehr als 40 % der Berliner*innen haben eine Migrationsgeschichte. Während unsere Stadt immer vielfältiger wird – und die öffentlichen Debatten über Migration zunehmend polarisiert sind – stellt sich immer dringlicher die Frage, wie wir Räume für Dialog, Teilhabe und gemeinsames Lernen schaffen können.

Vergangene Woche nahm Migration Matters an einer Vernetzungsveranstaltung der Berliner Landeszentrale für politische Bildung zum Thema gemeinwesenorientierte politische Bildung teil. Die Veranstaltung brachte Fachkräfte aus der Bildungsarbeit, zivilgesellschaftliche Organisationen, Forschende und Praktiker*innen zusammen, um sich über Themen wie Künstliche Intelligenz in der politischen Bildung, kritische postmigrantische Perspektiven und Community Engagement auszutauschen.

Im Rahmen des Programms leitete unser Team einen Workshop zu Migrations-Storytelling und Narrativwandel. Gemeinsam mit den Teilnehmenden gingen wir einer Frage nach, die im Zentrum vieler unserer Projekte steht:

Wie können wirkungsvolle Narrative über Migration in unterschiedlichen Kontexten entwickelt und umgesetzt werden? Und welche Arten von Narrativen können tatsächlich dazu beitragen, Wahrnehmungen und Einstellungen zu verändern?

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Rolle von Narrativen dabei, wie wir Migration und gesellschaftliche Vielfalt wahrnehmen und verstehen. Gemeinsam sprachen wir über unterschiedliche Ansätze des Narrativwandels – von Social-Media-Kampagnen und digitalem Storytelling bis hin zur Übersetzung komplexer Forschungsergebnisse in verständliche Formate, die ein breiteres Publikum erreichen. Außerdem beschäftigten wir uns mit Erkenntnissen aus der Meinungsforschung von More in Common, um besser zu verstehen, wie Menschen in Deutschland über Migration denken und welche Einstellungen sie dazu haben.

Ein zentrales Diskussionsthema waren Narrative, die den gesellschaftlichen Beitrag von Migrant*innen in den Mittelpunkt stellen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Botschaften, die die Beiträge von Migrant*innen zur Gesellschaft betonen – etwa bei der Bewältigung des Fachkräftemangels, in systemrelevanten Berufen oder durch das Zahlen von Steuern – in der deutschen Öffentlichkeit oft auf Zustimmung stoßen. Gleichzeitig äußerten viele Teilnehmende Unbehagen gegenüber einer vorwiegend utilitaristischen Darstellung von Migration. Sie stellten die Frage, ob solche Narrative nicht die Vorstellung verstärken könnten, dass der Wert eines Menschen vor allem von seinem wirtschaftlichen Beitrag abhängt.

Die Teilnehmenden wiesen außerdem darauf hin, dass solche Narrative die strukturellen Hürden, mit denen viele Migrant*innen konfrontiert sind, leicht aus dem Blick verlieren können. Während sich öffentliche Debatten häufig darauf konzentrieren, ob Migrant*innen „genug beitragen“, sieht die Realität oft anders aus: Viele Menschen möchten arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben, stoßen jedoch auf Hindernisse, die ihnen dies erschweren.

Diese Spannung führte zu einer breiteren Diskussion über eine der zentralen Herausforderungen des Narrativwandels: Wie können wir mit Werten, Sorgen und Wahrnehmungen umgehen, die sich von unseren eigenen unterscheiden, und dabei Räume für Veränderung schaffen, ohne grundlegende Prinzipien aufzugeben?

Ein Thema, das immer wieder zur Sprache kam, war die Erkenntnis, dass Narrativwandel nur selten durch eine einzelne Geschichte oder Kampagne erreicht wird. Vielmehr handelt es sich um einen langfristigen Prozess, der ein Verständnis öffentlicher Wahrnehmungen, die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteur*innen und die Schaffung von Begegnungsräumen erfordert, in denen Menschen mit Perspektiven in Kontakt kommen können, denen sie im Alltag möglicherweise nicht begegnen würden.

Wir danken der Berliner Landeszentrale für politische Bildung für die Schaffung eines Raums für diese wichtigen Gespräche – und allen Teilnehmenden, die ihre Erfahrungen, Fragen und Perspektiven eingebracht haben!