An einem der heißesten Juni-Tage 2026 startete das internationale Projekt Future Imaginaries of Migration mit dem ersten von vier Future Labs in Berlin. Mehr als 50 Forschende, Künstler*innen, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und politische Akteur*innen kamen zusammen, um gemeinsam über eine der drängendsten Fragen unserer Zeit nachzudenken: Welche Rolle kann Migration bei der Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft spielen? Im Mittelpunkt des Berliner Labs standen Wechselwirkungen zwischen demografischem Wandel und Migration – verbunden mit der Einladung, den Blick über aktuelle Debatten hinaus auf mögliche Zukünfte zu richten.
Der Auftakt fand bewusst nicht in einem Konferenzraum statt, sondern mitten in Berlin-Kreuzberg. Kaum ein anderer Ort in Berlin steht so sehr für migrantische (Stadt)Geschichte. Das Viertel wurde über Jahrzehnte von Menschen geprägt, die aus unterschiedlichen Teilen der Welt hierher kamen, geblieben sind und das soziale und kulturelle Leben Berlins mitgestaltet haben.
Den Einstieg bildete ein Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm Gurbet Is a Home Now der Künstlerin Pınar Öğrenci. Der Film erzählt die Geschichten ehemaliger Gastarbeiterinnen, die Kreuzberg in den 1980er- und 1990er-Jahren zu ihrer Heimat machten. Im Anschluss führte Pınar Öğrenci die Teilnehmenden auf einem Stadtspaziergang unter dem Titel Berlin Is a Home Now durch den Kiez. Unterwegs entwickelten sich Gespräche über Erinnerung, Identität und die Erfahrungen von Migrantinnen – ebenso wie darüber, wie sehr Migration das heutige Berlin geprägt hat.
Künstlerin Pınar Öğrenci führt die Teilnehmenden auf einen Stadt-Spaziergang durch Berlin-Kreuzberg
Am zweiten Tag wechselte das Future Lab ins Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Dort stand die gemeinsame Arbeit an 4 Zukunftsszenarien im Mittelpunkt.
Zum Auftakt gab Prof. Dr. Naika Foroutan, Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des DeZIM, einen Überblick über die aktuelle Situation der Migrationsdebatte und (post)-migrantischen Realitäten in Deutschland. Sie beschrieb den Widerspruch zwischen einer Wirtschaft, die zunehmend auf Migration angewiesen ist, und gleichzeitig wachsenden migrationskritischen Einstellungen in der Bevölkerung. Alterung, so Foroutan, sei weit mehr als ein demografischer Trend – sie verändere Arbeitsmärkte, Pflegesysteme, gesellschaftlichen Zusammenhalt und letztlich auch die Demokratie selbst.
Anschließend rückte die Rolle von Zukunftsbildern und Vorstellungskraft in den Fokus. In einer künstlerischen Intervention zeigte der Künstler Nicolas Malevé auf, welche Grenzen KI-generierte Bilder haben und welche blinden Flecken entstehen können, wenn wir Technologien Antworten auf (Zukunfts-)Fragen geben lassen, die gesellschaftlich noch gar nicht geklärt sind.
Prof. Dr. Naika Foroutan eröffnete die thematische Auseinandersetzung zu Migration in alternden Gesellschaften
Im Anschluss stellten Lara El Mekaui (Toronto Metropolitan University) und Marcus Engler (DeZIM) vier mögliche Zukunftsszenarien für Deutschland im Jahr 2050 vor:
- Automation Republic: Automatisierung und Künstliche Intelligenz ersetzen und machen Arbeitskräfte schneller überflüssig, als die Bevölkerung altert. Dadurch entstehen tiefgreifende wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Veränderungen.
- Utility First: Deutschland bleibt trotz technologischer Fortschritte auf Arbeitsmigration in großem Umfang angewiesen und konkurriert zunehmend mit anderen (alternden) Gesellschaften weltweit um Fachkräfte.
- Radical Inclusivity: Migration wird als gesellschaftliche Notwendigkeit anerkannt und vollständig eingebettet. Erfolgreiche Integrationspolitik stärkt den Zusammenhalt und Deutschland entwickelt umfassende Strukturen für schnelle und wirksame Integration.
- Beyond Growth: Deutschland verabschiedet sich von einem rein wachstumsorientierten Wirtschaftsmodell. Automatisierung ermöglicht kürzere Arbeitszeiten, während Nachhaltigkeit und soziale Stabilität stärker in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Entwicklung rücken.
Die Teilnehmenden diskutierten vier mögliche Zukunftsszenarien für Deutschland im Jahr 2050
In interdisziplinären Arbeitsgruppen arbeiteten die Teilnehmenden jeweils an einem dieser Szenarien weiter. Gemeinsam untersuchten sie unterschiedliche Dimensionen der Zukunft – von Wirtschaft und Arbeitswelt über gesellschaftliche Werte bis hin zu technologischen Entwicklungen – und hinterfragten die Annahmen, auf denen die Szenarien grundsätzlich beruhen. Eine unerwartete Klimakatastrophe wurde als Schock-Moment eingebracht, um die Belastbarkeit der Zukunftsbilder unter veränderten Umständen auf die Probe zu stellen.
Im nächsten Schritt entwickelten die Gruppen mithilfe der Three Horizons-Methode konkrete Visionen für wünschenswerte Zukünfte und formulierten erste Wege dorthin.
„Unterschiedliche Formen von Wissen, geographische Perspektiven und persönliche Erfahrungen zusammenzubringen, ist die Basis für unsere kritische Auseinandersetzung mit den Zukunftsszenarien. Gemeinsam entwickeln und hinterfragen wir Vorstellungen davon, welche Alternativen zur Gegenwart überhaupt vorstellbar und möglich sind – und was eines Tages dann Realität werden könnte.“
– Bernadette Klausberger, Kuratorin des Berliner Future Labs
Das Future Lab brachte Perspektiven aus Forschung, Kunst und Zivilgesellschaft zusammen
Am dritten Tag wurden die Ideen aus dem Lab erstmals öffentlich diskutiert. Im Futurium kamen mehr als 100 Berliner*innen zu einer intergenerationellen Fishbowl-Diskussion unter dem Titel „Wozu Migration?“ zusammen.
Zum Einstieg lernten sich die Teilnehmenden mithilfe des Kartensets The Oracle Speaks der Künstlerinnen Cana Bilir-Meier und Chana Boekle kennen und tauschten erste Gedanken über mögliche Zukünfte aus. Anschließend beschäftigten sie sich mit zwei der Zukunftsszenarien – Automation Republic und Utility First – bevor sie gemeinsam über Chancen und Herausforderungen von Migration in einer alternden Gesellschaft diskutierten.
Dabei trafen sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Menschen mit eigener Migrationserfahrung, Engagierte aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, Menschen, die sich Sorgen darüber machen, wie fair und gerecht die Zukunft sein wird, ältere Teilnehmende, die sich seit Jahren für gesellschaftliche Teilhabe einsetzen, ebenso wie Jugendliche, für die Vielfalt und Migration selbstverständlicher Teil ihres Alltags sind.
Eine junge Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt:
„Die Zukunft muss inklusiv sein. Ich bin in Berlin aufgewachsen und kann – und möchte mir – keine Zukunft ohne Menschen ganz unterschiedlicher Herkünfte und Hintergründe hier in der Stadt vorstellen. – Genau das ist es, was Berlin ausmacht.“
Intergenerationelle Fishbowl-Diskussion „Wozu Migration?“ im Futurium
Bevor wir die Zukunft gestalten können, müssen wir sie uns zunächst überhaupt vorstellen können. Von diesem Gedanken ausgehend verbindet das Projekt Future Imaginaries of Migration aktuelle Migrationsforschung mit kreativen Methoden aus Kunst, Zukunftsforschung und KI-gestützten Ansätzen. Ziel ist es, neue Perspektiven zu eröffnen, bestehende Annahmen zu hinterfragen und gemeinsam Vorstellungen einer inklusiven und gerechteren Zukunft zu entwickeln.
Nach dem Berliner Future Lab wird das Projekt in den kommenden Monaten mit weiteren Labs in Accra (geleitet von Mary Setrana, University of Ghana/Centre for Migration Studies), Singapur (geleitet von Brenda Yeoh, National University of Singapore/Asia Research Institute) und Toronto (geleitet von Anna Triandafyllidou, Global Migration Institute/Toronto Metropolitan University) fortgesetzt. Im Mittelpunkt stehen dabei weitere übergreifende Zukunftsthemen wie Klimawandel, globalisierte Städte und ortsunabhängige Arbeit.
Weitere Informationen und Einblicke in den Entwicklungsprozess finden Sie unter: https://www.futureimaginaries.org
Projektpartner
- CERC Migration, Toronto Metropolitan University
- Aga Khan Museum Toronto
- Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM)
- Asia Research Institute, National University of Singapore
- Centre for Migration Studies, University of Ghana
- Goethe-Institut
- Futurium (Berlin)
Förderung
Das Projekt Future Imaginaries of Migration wird durch einen Partnership Development Grant des Social Sciences and Humanities Research Council of Canada (SSHRC) gefördert.
Die Beteiligung von Migration Matters wird durch die Robert Bosch Stiftung ermöglicht.
Fotos: Niklas Hlawatsch / Fuchs Teufel Bild