Was bedeutet es, deutsch zu sein? Ein Workshop zu Vielfalt und Identität

Wer darf sich deutsch nennen? Ein Passinhaber? Jemand, der hier geboren ist? Jemand, der die Sprache fließend spricht? Oder ist es etwas Persönlicheres, das wir selbst definieren?

Im Rahmen der Projektwoche „Diversity“ an der Georg-Werth-Schule in Berlin-Friedrichshain leitete unser Team zwei 90-minütige Workshops mit Neuntklässlerinnen zum Thema Migration und Identität. Rund 25 Schüler*innen pro Einheit beteiligten sich an einer Diskussion, die schnell zeigte, wie vielschichtig – und stellenweise emotional – die Frage des „Deutschseins“ sein kann.

Rund 30 % der Menschen in Deutschland haben einen sogenannten „Migrationshintergrund”; bei den unter 20-Jährigen liegt der Anteil näher bei 40 %. Die Klassen spiegelten diese Realität wider. Schüler*innen mit unterschiedlichen Familiengeschichten, Sprachen, rechtlichen Status und Lebenserfahrungen prägten das Gespräch auf vielfältige Weise.

Zwischen Pässen und Kartoffeln

Wir baten die Schüler*innen, Wörter aufzuschreiben, die sie mit dem Deutschsein verbinden. Einige nannten formale Kriterien: deutsche Staatsbürgerschaft, hier geboren sein, hier leben.

Als ein Schüler mit Migrationshintergrund das Wort „Nazi“ schrieb, widersprach ein anderer ihm entschieden, da er dies als Verallgemeinerung über alle Deutschen verstand. Die Diskussion wurde zeitweise angespannt. Gemeinsam mit der Lehrerin ordneten wir die Reaktion ein. Den Nationalsozialismus als Teil der deutschen Geschichte anzuerkennen, bedeutet nicht, alle Deutschen als Nazis zu bezeichnen, sondern eine Vergangenheit (und Gegenwart) anzuerkennen, die die Gesellschaft weiterhin prägt – insbesondere angesichts zunehmender rechter Stimmungen. Wir sprachen auch darüber, dass sich solche Themen je nach eigener Biografie unterschiedlich anfühlen können und darüber, welche Verantwortung diejenigen tragen, die weniger direkt von Diskriminierung betroffen sind: Sie müssen sich gegen Ausgrenzung und extremistische Narrative positionieren.

Identität wird nicht vorgeschrieben – sie wird ausgehandelt

Nachdem die Schüler*innen ein Video von Migration Matters gesehen und an Aktivitäten sowie Kleingruppendiskussionen teilgenommen hatten, kristallisierten sich drei Antworten am häufigsten als zentral für das Deutschsein heraus:

  • die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen,
  • in Deutschland zu leben und
  • sich deutsch zu fühlen.

Dieser letzte Punkt wurde zentral. Wir betonten, dass Identität nicht festgeschrieben ist – und dass die Schüler*innen selbst mitgestalten, was „deutsch“ heute und in Zukunft bedeutet. Anstatt nach einer endgültigen Antwort zu suchen, ermutigten wir sie, Identität als etwas sich Wandelndes und Aushandelbares zu begreifen – und als etwas, das sie selbstbestimmt für sich definieren können.

Der eindrückliche Moment: Eine persönliche Geschichte

Einer der bewegendsten Teile beider Workshops war der Moment, als die Schüler*innen einen kurzen Artikel über ihre Lehrerin lasen, die tunesisch-deutsch ist. Anschließend teilte sie ihre eigenen Gedanken zu Identität und Zugehörigkeit.

Durch diese Aktivität veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Die Schüler*innen stellten durchdachte Fragen und hörten aufmerksam zu. Von ihren eigenen Erfahrungen zu hören – wie sie sich selbst versteht und wie sie von anderen manchmal wahrgenommen wird – machte die Diskussion greifbar. In beiden Workshops hallte dieser Moment am stärksten nach.

Ziel der Workshops war es nicht, die Frage „Wer darf deutsch sein?“ ein für alle Mal zu klären. Vielmehr ging es darum, Raum für Reflexion zu öffnen – und junge Menschen darin zu stärken, zu erkennen, dass Zugehörigkeit etwas ist, das in der Gesellschaft ausgehandelt wird und nicht einfach weitergegeben wird. In einer Zeit, in der Debatten über Migration und nationale Identität zunehmend polarisiert sind, können Klassenzimmer zu kraftvollen Räumen des Dialogs werden.

Migration Matters bietet interaktive Schulworkshops zu Migration, Vielfalt, Identität und Zugehörigkeit an. Außerdem stellen wir Bildungsmaterialien sowie einsatzbereite Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte zur Verfügung. Wenn Sie Interesse haben, einen Workshop an Ihrer Schule zu organisieren, schreiben Sie uns an team@migrationmatters.me und geben Sie im Betreff „Schulworkshop“ an.

Vielen Dank an die Deutsche Postcode Lotterie für die Unterstützung unserer Bildungsarbeit in Deutschland.